Gedanken des Krieges


  • Es ist der 15. April 2019

    Der Angriff der NATO läuft bisher soweit ganz gut. Zumindest was die "Gesamtlage" betrifft. Die übergeordnete Führung spricht von "Siegen" und "gut gehaltenen strategischen Punkten"... Doch was kümmert uns das?
    Wir, die immer in den Gräben lagen, unter Feindbeschuss versuchten die Lage zu retten, um unser Leben bangten oder das erlösende "Halt durch!" unserer Sanitäter wenn sie uns aus der Feuerlinie zerrten.

    Uns persönlich haben die Entscheidungen des Stabes nie gekümmert. Denn das machte unser Leben nicht aus. Unser Leben bestand aus dem direkten Töten und Sterben.

    Doch so langsam wird es Zeit. Ich bin müde. Zu oft gekämpft, zu oft verwundet und zu viele Freunde und Kameraden auf dem Weg verloren.

    Ich schieße ein letztes Foto mit meiner Einwegkamera, und hoffe das es gut wird.



    Wir stehen kurz vor Kavala, kurz davor die Insel final zu "befreien". Doch für mich bedeutet das nichts mehr. Manche sagen Krieg ändert sich nie. Ich glaube sie haben recht. Es geht immer weiter. Gerade jetzt kämpfen unsere Truppen in den Straßen um wenige Meter. Dafür opfern sich hunderte junge Menschen und sind bereit ihre Zukunft wegzuwerfen. Es bedrückt mich, dass viele von ihnen nie wieder nach Hause kommen werden.

    Währenddessen erläutern unsere Strategen einander die nächsten Züge. welche Straße wichtiger sei...

    "Komm schon wir müssen los".. Die Worte des LKW-Fahrers reißen mich aus meinen Gedanken die sich im Kreis zu drehen begannen. Ich werfe meinen Rucksack auf die Ladefläche des Transporters, und setze mich mit ins Führerhaus. Der Fahrer ist ein junger Mannschafter. Er hat noch nicht den stumpfen Blick derjenigen die die Schrecken des Krieges gesehen haben. Er ist voller Elan und hoch motiviert. Ich denke nicht, dass er lange überleben wird. Als der LKW losrollt werfe ich einen letzten Blick auf die Kameraden.


    Es schmerzt mich sie zurückzulassen.


    Doch meine Zeit ist vorbei.


    Ich fliege zurück in die Heimat.


    Während die Lichter der Straße vorbeiziehen denke ich über die tollen Erlebnisse nach. Die Kameraden die ich getroffen habe, die knappen Situationen die wir durchgestanden haben.
    Der Fahrer hat das Radio angeschaltet und statt des üblichen Gejaule läuft tatsächlich ein Lied das mir gefällt. Ich frage Ihn ob er weiß wie es heißt. Er sagte dass es "It goes on" heiße. Ich blicke wieder aus dem Fenster.
    Kurz vor dem Flughafen werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Wir werden langsamer und gelangen in eine Kontrolle der NATO. Ich mache mir wenig Gedanken und nicke dem Wachsoldaten zu. Wir kennen uns bereits aus früheren Einsätzen auf Tanoa. Als er mich erkennt winkt er uns durch. Geräuschvoll legt mein Fahrer den ersten Gang ein und rollt langsam in den Sicherheitsbereich. Am Flieger angekommen stelle ich erst fest dass der Fahrer die ganze Zeit geredet hat. Ich habe ihm nicht zugehört. Ich sitze ab, ziehe meinen Rucksack von der Ladefläche und steige wortlos in den Flieger. Den Rest nehme ich nicht wirklich wahr. Die Sicherheitseinweisung, das Brüllen der Motoren, und wie wir uns langsam in die Luft erheben.

    Was noch folgt ist ein letztes Antreten im Büro des Chefs. Dann unterzeichne ich meine Entlassungspapiere, hebe ein letztes Mal meine Hand zum Gruß sage, "Herr General, ich melde mich ab", drehe mich über die linke Schulter und verlasse dann mein bisheriges Militärleben......


    Vielleicht werde ich zurückkommen. Vielleicht packt mich irgendwann wieder das Verlangen und ich finde wieder die Zeit mich in meine vollgeschwitzten Sachen, meine Waffe fertigladen und mich all guns blazing in den Kampf stürzen. Doch für wen und wann das sein wird kann ich jetzt noch nicht sagen.